Wie kön­nen wir in einem frei­heitlichen, demokratis­chen Gemein­we­sen gut miteinan­der leben und welchen Beitrag kann die Evan­ge­lis­che Kirche dazu leis­ten? Aus­ge­hend von dieser Fragestel­lung fand am 28.9.2021 in der Chris­tuskirche ein Vor­trag statt mit dem Titel “Frei­heit — Recht oder Gnade? Was Kirche im Super­wahl­jahr zur Demokratie sagen kann”. Ref­er­entin war die Bon­ner Pro­fes­sorin für Sys­tem­a­tis­che The­olo­gie und Hermeneu­tik Cor­du­la Richter. 

Zum Ein­stieg in das The­ma ver­wies Richter darauf, dass es der The­o­rie nach in ein­er demokratis­chen Gesellschaft eigentlich für alle möglich sein sollte, den eige­nen Lebensen­twurf frei zu gestal­ten, ohne die legit­i­men Bedürfnisse und Inter­essen ander­er zu ver­let­zen. Doch in der Prax­is gelingt diese Bal­ance zwis­chen Selb­stver­wirk­lichung und Rück­sicht­nahme auf andere nicht ohne weit­eres. Oft über­fordert uns die Welt in ihrer Kom­plex­ität und ver­führerisch erscheint die Flucht in ein­fache Schein­lö­sun­gen und Dogmatismus.

Aber hier ist es ger­ade unser Glaube, der uns Unter­stützung bietet bei der müh­seli­gen Arbeit des steten Über­prüfens unser­er Ein­stel­lun­gen und Hand­lungsweisen. Wir evan­ge­lis­che Chris­ten sehen die anderen als unsere Mit­geschöpfe an und kön­nen so Verbinden­des ent­deck­en — statt andere zu verurteilen, kön­nen wir sie dem Urteil Gottes über­lassen. Wir kön­nen akzep­tieren, dass die Welt nicht har­monisch ist, aber wir behal­ten auch unsere eigene Egozen­trik im Auge und ver­hin­dern dadurch, dass wir selb­st zu Morala­pos­teln wer­den. Wir könne uns stärken lassen, durch den Aus­blick auf das Reich Gottes und Kraft ziehen aus christlichen Regen­er­a­tions­mo­menten wie Taufe und Abendmahl. Fol­glich kön­nen wir —  im Ver­trauen auf Gottes Gerechtigkeit —  Kom­plex­ität und Plu­ral­is­mus leichter aushal­ten und uns konkreten Her­aus­forderun­gen wie dem Kli­mawan­del, Flüchtlings­be­we­gun­gen oder der Coro­na-Pan­demie stellen.

Anstatt einen abstrak­ten “Zus­tand Gemein­wohl” anzus­treben, kön­nen wir einen Diskurs über den “Gemeinsinn” führen: Frei­heit meint hier, dass wir stets aufs Neue aushan­deln kön­nen und sollen, wer wir sein und wie wir leben wollen. Das gilt für die soge­nan­nten “christlichen Werte”, die immer von den jew­eili­gen Gemein­den ins prak­tis­che Leben hinein aus­gelegt wer­den, genau­so wie in der Poli­tik oder in der Gesellschaft, in der sich beispiel­weise unter­schiedliche Fam­i­lien­bilder entwick­elt haben.

Der daraus fol­gende Plu­ral­is­mus in Gesellschaft, Reli­gion und Poli­tik (an der aktuellen  Mehrparteien­land­schaft abzule­sen) ist dabei kein Man­gel, son­dern bildet eine Vielfalt ab, die längst vorhan­den ist und auf die Aus­gren­zung und men­schengemachter Dog­ma­tismus keine Antwort sein dür­fen. Frei­heit meint in diesem Zusam­men­hang, dass wir uns immer wieder gemein­sam im Diskurs auf die Suche nach dem Gemeinsinn machen kön­nen und das kann dur­chaus als Gnade oder Geschenk ver­standen werden. 

Eine Auf­nahme der Vor­tragsver­anstal­tung ist auf dem Youtube-Kanal unser­er Gemeinde ein­se­hbar. Die darin vorgestell­ten Kerngedanken wer­den dem­nächst in ein­er Stel­lung­nahme der “Kam­mer für öffentliche Ver­ant­wor­tung” der EKD pub­liziert. An dieser Stelle soll auch schon ein­mal auf eine Vor­tragsrei­he zur Zukun­ft der Kirche hingewiesen wer­den, die eben­falls mit hochkaräti­gen Ref­er­enten während der Pas­sion­szeit 2022 in ähn­lichem Rah­men stat­tfind­en wird.